Mittwoch, 16. Mai 2018

Rezension: Chris Cleaves Die Liebe in diesen Zeiten


Inhalt

London im September 1939: Mary North, kaum 18 Jahre alt und aus gutem Hause, meldet sich zum Beginn des Zweiten Weltkrieges enthusiastisch wie viele andere zur Truppenunterstützung. Sie wird jedoch nur als Hilfslehrerin eingesetzt. In der Schulbehörde lernt sie den ein paar Jahre älteren Tom kennen, dessen Mitbewohner Alistair sich gerade freiwillig gemeldet hat. Zwischen Mary und Tom entwickelt sich eine Beziehung, doch als Alistair auf Heimaturlaub kommt, verlieben er und Mary sich ineinander, obwohl Alistair mit Marys Freundin Hilda verkuppelt werden soll. Alistair wird auf Malta stationiert, Mary ist in London den Bombardierungen der deutschen Luftwaffe ausgesetzt, nur über Briefe können sie in Kontakt bleiben, doch der Krieg überschattet bald alles…

Meinung

Ich war ein wenig davon weggekommen, Kriegsgeschichten gepaart mit Liebesgeschichten zu lesen, da die meisten doch immer nur nach dem gleichen Schema ablaufen. Die positiven Bewertungen für dieses Buch ließen mich noch einmal eine Ausnahme machen, die sich auch tatsächlich wirklich gelohnt hat. Wie der Autor in seinem Nachwort erzählt, ist die Handlung durch seine Großeltern, insbesondere seinen Großvater, der auf Malta stationiert war, inspiriert, die grundlegende Handlung mit all ihren kleinen Nebenhandlungen aber weitestgehend erfunden. Sie erstreckt sich von September 1939 bis in den Juni 1942 und wird meist aus der Sicht der beiden Hauptfiguren Mary und Alistair erzählt, aber auch einzelne Nebenfiguren kommen hin und wieder zu Wort. Es entsteht daher ein sehr vielfältiges Bild auf die Ereignisse und auch die Hauptcharaktere erscheinen dadurch immer wieder in unterschiedlichem Licht, was die sehr gelungene Herausarbeitung ihrer Stärken und Schwächen unterstreicht, die sich durch den gesamten Roman zieht. Dieser ist durchweg von sehr realistischen und lebensnahen Figuren bevölkert, in die man sich meist sehr gut hineinversetzen kann. Insbesondere die ambivalente Freundschaft zwischen Mary und Hilda, die stets in Marys Schatten steht, empfand ich es sehr überzeugend. Diese warf viele spannende Fragen rund um Freundschaft, Verrat und Vergebung auf. Leider blieben mir viele Figuren trotz der realistischen Darstellung eher fern, ihr Schicksal berührte mich recht wenig, was das Lesevergnügen ein wenig schmälerte.
Die sehr intensive und authentische Schilderung der Kriegsereignisse, sei es die lange Belagerung Maltas oder die monatelange Bombardierung Londons, machte dies aber beinahe wieder wett. Cleave stellt die Zustände auf Malta und in London, insbesondere für die Soldaten und die englische Bevölkerung, dermaßen bildlich dar, dass man sich beinahe selbst in den Trümmerhaufen herumgehen sieht. Auch viele Nebenaspekte wie die Evakuierung vieler Kinder aus London, Rassismus gegen Schwarze, auch schwarze Kinder, und das gleichzeitige im Wohlstand Leben der höheren Schichten geben ein sehr intensives Bild des frühen Zweiten Weltkriegs in London ab, das ich in der Art selten in einem Roman gelesen habe. Wenn man auch mit den meisten Charakteren nicht so intensiv mitfühlen kann, die Geschichte um die schwarzen Kinder ist sehr berührend und oft auch schockierend geschrieben und gibt dem Buch dann doch etwas von der Wärme, die man für seine Figuren eigentlich generell empfinden sollte.
Die Schrecken des Krieges werden zumindest ein wenig durch die sehr intelligenten und oft humorvollen Dialoge aufgelockert, die doch ein Gefühl von Hoffnung in dieser schweren Zeit transportieren. Das Buch stellt sehr gut heraus, wie schwer es damals gewesen sein muss, mit all dem Grauen fertigzuwerden, gibt aber doch einzelne, kleine Hoffnungsschimmer, sei es durch Freunde, Loyalität, Briefe oder sich auf sein Gewissen besinnen. Das eher offen gehaltene Ende passt sehr gut dazu, ein Happy End hätte dieser Zeit, in der man sich bei nichts sicher sein konnte, nicht entsprochen. So entsteht eine rundum gelungene Geschichte, die sich aus einer meist realistischen und nicht kitschigen Liebesgeschichte und spannenden Schilderungen der Kriegssituation auf Malta und in London zusammensetzt, die ab etwa der Hälfte spannend wie ein Krimi zu lesen ist.

Fazit

Nach den sehr positiven Bewertungen hatte ich noch ein wenig mehr von diesem Roman erwartet. Er ist sehr gut darin, die Schrecken des Kriegs auf Malta und in London angemessen darzustellen und diese mit einer realistischen Liebesgeschichte zu kombinieren, doch das wenig Warmwerden mit den meisten Figuren nimmt einem dann doch etwas vom Lesevergnügen weg. Weiterzuempfehlen ist dieser Roman aber allemal!

4 von 5 Punkten


Buchinfos:
Taschenbuch, 496 Seiten
ISBN: 978-3-423-26140-1
Erschienen am: 07. April 2017
Originaltitel: Everyone Brave Is Forgiven
Preis: 16,90 €

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