Sonntag, 29. Juli 2018

Rezension: Nikolaus Wachsmanns KL


Inhalt

Nikolaus Wachsmann, der an der University of London Neuere europäische Geschichte lehrt, bietet mit seinem neuen Werk die erste umfassende Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager von ihren Anfängen 1933 bis hin zu ihrer Auflösung 1945 auf. Unter der Verwendung einer Unmenge an Quellen und Forschungsliteratur, die zum Teil erstmals verwendet wurden, widmet er sich sowohl den Praktiken der Täter, wie auch der Welt der Opfer in den Lagern und der Einstellungen der Gesellschaft zu ihnen im Laufe des Dritten Reiches. Dabei werden auf der einen Seite individuelle Schicksale beleuchtet, auf der anderen Seite aber auch die allgemeine Entwicklung der Lager und ihre politischen, wirtschaftlichen und militärischen Umstände behandelt.

Meinung

Ich habe mich bereits seit meiner Kindheit viel mit dem Nationalsozialismus und vor allem mit dem Holocaust in Auschwitz beschäftigt, dabei aber stets nur Werke zur Endphase der nationalsozialistischen KZs gelesen und nicht viel über ihre Frühphase und allmähliche Entwicklung erfahren, war somit genau wie so viele andere auf Auschwitz als Symbol der systematischen Massenvernichtung vor allem von Juden fokussiert. Wachsmanns monumental anmutende Gesamtdarstellung der KZs, an der er etwa zehn Jahre gearbeitet hat, kam nun aber gerade richtig, um dieses Bild ein wenig gerade zu rücken und zu erweitern und meine Kenntnisse über Auschwitz in ihren historischen Kontext und die allgemeine Entwicklung der KZs einzuordnen. Wachsmann geht dabei weitestgehend chronologisch vor. In einem Prolog erläutert er kurz Vorläufer der Konzentrationslager (wobei er im Buch, wie auch im Titel, durchgehend die damals gängige Abkürzung „KL“ verwendet, die Bezeichnung „KZ“ hat sich erst nach dem Krieg durchgesetzt), die Beschäftigung mit den KZs nach dem Ende des Dritten Reiches, seinen methodischen Ansatz, die Quellenlage und den Aufbau seines Werkes. Die drei ersten Kapitel beschäftigen sich dann mit den Lagern vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, zeigen ihren zunächst provisorischen, dann immer geordneteren Charakter mit wenigen größeren Lagern auf deutschem Gebiet, die Inhaftierung von zunächst hauptsächlich politischen Häftlingen, später von sogenannten Asozialen und Verbrechern, Christen und Juden im Zuge der Reichspogromnacht, die Zustände und die Gewalt in den Lagern, die Lager-SS und die Verwaltung der Lager unter Reichsführer SS Heinrich Himmler und auch die Reaktionen der Bevölkerung auf die KZs auf. Die Kapitel 4 bis 11 behandeln dann die Weiterentwicklung der KZs während des Zweiten Weltkriegs, ihre sukzessive Entwicklung hin zum Massenmord in den ersten Kriegsjahren während der Inhaftierung zahlreicher Polen und sowjetischer Kriegsgefangener und schließlich hin zum Holocaust vor allem in Auschwitz, das sich zum größten und tödlichsten Lager wandelte. Ebenso wird das Leben der Häftlinge und des SS-Personals in den Lagern erläutert, die stärker zunehmende Zwangsarbeit ab 1942, als der Blitzkrieg gegen die Sowjetunion gescheitert war, die sich in den nächsten Jahren ausweitete, je näher Deutschland einer militärischen Niederlage kam und immer mehr Häftlinge für die Rüstungsindustrie einsetzte, was mit einem großen Anstieg von Außenlagern einherging. Vor dem Ende wird noch das sehr aufschlussreiche 10. Kapitel dazwischen geschoben, das sich den Häftlingsgemeinschaften und der Frage widmet, welche moralischen Werte es in der gesetzlosen Welt der KZs, in der jeder ums Überleben kämpfte, noch geben konnte. Im letzten Kapitel werden noch die letzten Monate der KZs und Nazideutschlands behandelt, die Evakuierung zahlreicher Lager aufgrund der vorrückenden Russen, die Todesmärsche, die extreme Überfüllung der Lager auf deutschem Gebiet, die letzten Gewaltexzesse vor der Befreiung durch die Allierten. Im abschließenden Epilog wird noch auf die Zeit nach der Befreiung eingegangen, auf die zahlreichen Häftlinge, die noch nach Kriegsende starben, die Verurteilung vieler SS-Täter, das Weiterleben der Geretteten mit ihren Erlebnissen in den KZs, die Beschäftigung in Deutschland mit den Lagern über die Jahrzehnte und vor dem Hintergrund des geteilten Staates und des Kalten Krieges und die Entwicklung von Gedenkstätten auf dem Gelände der ehemaligen Lager.
Das Buch spricht somit so viele Aspekte um die KZs an, dass ich es nicht einmal annähernd angemessen zusammenfassen kann. Nikolaus Wachsmann ist ein wahrscheinlich nicht mehr zu übertreffender Gesamtüberblick über die nationalsozialistischen Konzentrationslager gelungen, der alle Punkte rund um die Lager behandelt, die von Bedeutung sind. Was die Bevölkerung von ihnen wusste und mitbekam, kam mir für die Zeit des Krieges zwar etwas zu kurz, ansonsten wurde aber in meinen Augen alles angemessen herausgestellt. Es kommen immer wieder Häftlinge direkt zu Wort, die die vielen entsetzlichen Dinge, über die man lesen muss, noch untermauern und mich vielmals fassungslos gemacht haben. Ich habe mich nun bereits so viele Jahre mit dem Holocaust beschäftigt, trotzdem schockiert dieser systematische Massenmord von Millionen von Menschen kein bisschen weniger. Es gibt auch nach der Lektüre dieses Buches so viel, dass ich nicht begreifen kann, obwohl der Autor wirklich jeden Aspekt der Lager anspricht und über alles aufzuklären versucht. Auch räumt er mit zahlreichen Mythen um die Lager, die sich nach dem Krieg entwickelt haben und sich zum Teil bis heute halten, auf, stellt gängige Forschungsmeinungen in Frage und trotzdem bleibt einfach noch so vieles, das unbegreiflich ist und wofür man wohl niemals eine Antwort finden kann. Das Buch ist wirklich sehr hart, ich musste es viele Male erst einmal für einige Zeit weglegen, bevor ich weiterlesen konnte. Es ist ein eindrucksvoller Appell an die Menschlichkeit und das Gewissen in uns, in der Hoffnung, dass so eine entsetzliche Zeit nie wieder kommen mag.
Zudem ist es sehr verständlich geschrieben und sehr gut zu folgen, zumindest zu Beginn. Mit der Expansion der Lager, vor allem gegen Kriegsende, wird auch das Buch konfuser. Noch mehr Abbildungen hätte ich mir zur Unterstützung gewünscht, die, die es gab, waren sehr hilfreich (etwa über die geographische Verteilung der Lager im Laufe der Jahre oder den Auschwitzkomplex). Außerdem verfügt die Ausgabe über zwei Bildteile in der Mitte des Buches, die u.a. Fotos aus den KZs zeigen, und einen überaus ausführlichen Anhang, der Tabellen zu den Insassenzahlen und Todesopfer der KZs, zu den SS-Dienstgraden, ein extrem umfangreiches Anmerkungsverzeichnis und ein Literaturverzeichnis aufweist, die die enorme Arbeitsleistung des Autors eindrucksvoll verdeutlichen. Ein kleines Manko des Buches war die für mich nicht immer angemessene Sprache, wobei dies an der deutschen Übersetzung liegen mag. Gerade bei einer solchen Thematik sollte man vorsichtig sein, rutscht man doch all zu leicht in die Sprache der Nazis ab. So Ausdrücke wie „werden verschickt“ stellen die Häftlinge dann doch nur wie wertlose Dinge dar. Außerdem sollte bei einer eventuellen Neuauflage des Buches dringend besser Korrektur gelesen werden, die vielen Tippfehler störten dann doch etwas.

Fazit

Nikolaus Wachsmann ist ein herausragend recherchiertes, enorm wichtiges, informatives, aber natürlich auch erschütterndes Werk über die nationalsozialistischen Konzentrationslager gelungen, das man nur loben kann. Es hat mir so viele neue Einblicke in diese Thematik gegeben und mich über so viele Aspekte das erste Mal nachdenken lassen, so dass es auch lange Zeit nach der Lektüre noch nachwirkt und zur Weiterbeschäftigung mit den KZs anregt. Lasst euch von der hohen Seitenzahl nicht abschrecken und lest dieses Buch, damit wir gemeinsam dafür sorgen können, dass diese schrecklichen Taten nicht in Vergessenheit geraten und sich niemals wiederholen können!

5 von 5 Punkten


Buchinfos:
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 992 Seiten
ISBN: 978-3-88680-827-4
Erschienen am: 25. April 2016
Originaltitel: The Camps: A History of the Nazi Concentration Camps
Preis: 39,99 €


Ein großes Dankeschön an den Siedler Verlag für das bereit gestellte Rezensionsexemplar!

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